Beate Haupt


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Beate Haupt
"Zwitterbilder"


Tagtäglich auf uns einströmende Bilderfluten haben unser Sehen verändert.
Diese Art Bilder mit ihren glatten, versiegelten Oberflächen, Bilder, die sich penetrant ins Blickfeld schieben und noch aus dem Augenwinkel erfasst werden können, weil sie genau dafür gemacht zu sein scheinen, lassen das Auge ungeduldig und das Sehen flüchtiger werden.
Einer solchen Beschleunigung des Sehens stehen die hier gezeigten Werke der Malerin Beate Haupt entgegen. Der an schnelles Vorübergleiten gewohnte Blick verfängt sich auf den pastos bedeckten Leinwänden und Skulpturen. Er gerät ins Stocken. Wir wähnen uns in einer Zeitschleife, ja sogar außerhalb der Zeit.
Erinnern die schrundigen Oberflächen doch an vergangene Bildsprachen, wie den Tachismus, an Werke des späten Corinth oder an den Franzosen Eugène Leroy, den Beate Haupt zu ihren künstlerischen Anregern zählt.
Das sich die in Wolfenbüttel geborene und an der Kunsthochschule in Braunschweig bei Lienhard von Monkiewitsch und Arwed D. Gorella ausgebildete Malerin auch durch die Bildsprache der Neuen Wilden hindurchgemalt hat, wird besonders im Frühwerk deutlich und bleibt an einigen Stellen weiterhin sichtbar.
Wer daraufhin in Beate Haupt lediglich eine künstlerische Wiedergängerin vermutet, täuscht sich. Sie arbeitet an einer gänzlich eigenen Bildsprache, welche sich jedoch nur dem offenbart, der den Werken jene Zeit widmet, die sie einzufordern scheinen.
Was sehen wir?
Zunächst die Malerei selbst mit ihrer Textur und Farbigkeit. Ihr Werden ist weitgehend offengelegt. Immer konzentriert auf ein Bild - sie arbeit fast nie an mehreren Bildern gleichzeitig - schichtet Beate Haupt in einem langen Prozess Farben auf die Leinwand. Diese gelangen direkt von der Tube auf das Bild oder wurden aus Pigmenten und Leinöl gemischt und aufgetragen. Mit heftiger Geste wühlt sich die Malerin immer wieder mit dem Pinsel durch das sich langsam zum Relief auftürmende Farbmaterial, formt Figuren, verändert oder übermalt sie, hinterlässt dabei Furchen, Grate, glatte und geschundene Felder. Die fortwährende Bewegung der Farbmassen über die Leinwand vermengt die Farben. Sie verwandeln sich in erdig anmutende oder ergraute Flächen und Hügel. Gegen diese Töne setzt Beate Haupt eine breit gefächerte Buntfarbigkeit, die mit den verbliebenen, noch unvermischten Schlieren im Farbgemenge in Schwingung gerät. Haupts Bilder bleiben lange in Bewegung.
Erst allmählich, beim Prozess des Trocknens beginnen sie zu verkrusten, ja zu versteinern. Ein Eindruck, der ihre Arbeiten, so scheint es zumindest, in die zeitliche Dimension von geologischen oder biologischen Prozessen rückt. Selbst wenn solche Naturphänomene in ihrer Arbeit nicht direkt thematisiert werden, sondern die Natur immer im Bezug zur menschlichen Existenz gesehen wird, so ist dieser Existenz - und das weiß Beate Haupt - die Wandlung oder Metamorphose eingeschrieben. Die Künstlerin arbeitet an einer malerischen Entsprechung für eine solche Wandlung, für das Werden und Vergehen.
Vor diesem Hintergrund wird ihr Interesse am Motiv der im Wasser treibenden Ophelia aus Shakespeares Hamlet erklärbar. Es beschäftigt Beate Haupt schon längere Zeit und findet sich in verschiedenen Variationen in der Berliner Ausstellung. Über die Auseinandersetzung mit jener tragischen Frauengestalt aus Shakespeares Hamlet, die aus Verzweiflung über die Wesensänderung ihres Geliebten und den Tod des Vaters dem Wahnsinn verfiel, ins Wasser ging, und als "Schöne Leiche" vor allem in der Kunst des 19. Jahrhundert auftauchte, nähert sich Haupt dem Thema der Wandlung aber auch dem des Todes.
Das Spannungsverhältnis von Eros und Thanatos, das eng mit dem Ophelia-Motiv verbunden ist und der schönen Frauenleiche eine Bedeutung als passives und damit beherrschbares Objekt oder als Fetisch zuschreibt, ist für Beate Haupt weniger von Interesse. Sie vollzieht den Tod und das Vergehen des Körpers, durch das Auflösen seiner Formen in Farbe nach. Eine für die Malerin tröstliche Annäherung an das Thema des Todes.
Für den Blick des Betrachters versinkt Ophelia zwischen jenen Farbmassen aus denen die Künstlerin sie zuvor geformt hat. Der Farbe kommt dabei nicht die traditionellen Aufgabe zu "alle anderen Materialien auf der Bildfläche zu illusionieren", wie Monika Wagner in "Das Material der Kunst" (München 2001, S.17) schreibt. Die Farbe ist für Beate Haupt autonomes Material, das innerhalb des Mediums Malerei auf sich selbst verweist. Auch in diesem Sinne ist ihre Malerei pur. Sogar wenn sie sich von den reliefartigen Leinwänden löst, um freistehenden Skulpturen zu formen, bleibt der Bezug zur Malerei und der mit ihr verbundenen Zweidimensionalität erhalten. Wie das Tafelbild, haben auch diese plastischen Arbeiten eine Rückseite. Während die Köpfe das Grenzgebiet zwischen den künstlerischen Genres Skulptur und Malerei beschreiben, lotet Haupt in den Arbeiten der Folge "Zwitterbilder" den Moment des motivischen Übergangs aus, dem wiederum das Thema der Wandlung eingeschrieben ist.
In dieser Serie verfolgt sie das Changieren zwischen Gesichtern und Landschaften. Die Austauschbarkeit des Bildsujets betont die Autonomie der Malerei an sich, die mit den Möglichkeiten der Darstellung zweckfrei spielt. Wohl daher hat die Künstlerin den Titel der Bildfolge als Ausstellungstitel gewählt. Er beschreibt über die sexuelle Konnotation hinausweisend, jenes Dazwischen, jene Unbestimmtheit, die für sie eine Art der Freiheit und eine ihrer künstlerischen Quellen ist.
Wenn sich Beate Haupt, wie sie es häufig tut, mit Mythen und Erzählungen auf Werken der Alten Meister auseinandersetzt oder sich, wie beim Ophelia -Thema auf das bekannte Gemälde des Präraffaeliten John Everett Millais bezieht, dann deshalb weil ihr die Bildlösungen für die Umsetzung der Themen als Anlass und Anregung für das eigene Arbeiten dienen. Sie verleibt sich die Werke ein, um sie als eigenes Bild wieder auf die Leinwand zu bringen.
Das sich diese eigenen Bilder nicht gleich preisgeben, nicht schnell zu konsumieren sind, wie anfangs schon erwähnt, hängt wohl mit der Lust der Malerin an jenem Changieren zwischen Figuration und Abstraktion zusammen, welche den Betrachter mit der malerischen Auflösung der Bildfiguren konfrontiert. Es bedarf, je nach Intension des Sehens, einige Zeit, bis sich den Augen die zwischen den Farben verborgenen Figuren zeigen.
Das Hineinlesen von Figuren in Farbflecken und Pinselschwünge erinnert an das kindliche Schauen, das alle optischen Eindrücke in die eigene Phantasiewelt transformiert und die alltägliche Umgebung von den Wolkenformationen bis hin zu Kleiderhaufen mit verschiedensten Wesen bevölkert. Für den kindlichen Blick scheint es keine Abstraktion zu geben.
Beate Haupt hat sich diese Art des Schauens bewahrt. Neben der Malerei selbst, ist auch diese Art des Schauens Motor ihres künstlerischen Arbeitens.

Susanne Greinke, Kunstwissenschaftlerin, Berlin, November 2010



BEATE HAUPT
„Streck dem Leben die Zunge raus“

Zu den früheren Bildwerken, die man schon 1994 von Beate Haupt sehen konnte, zählten aparte, teils mit Ölfarbe ergänzte Collagen aus je zwei bis vier Ansichtspostkarten gleicher Sorte, sozusagen die Vervielfältigung eines Postkartenmotivs aus den Schweizer Alpen, wo die Künstlerin damals mit einem DAAD-Stipendium in Lausanne studierte. Beate Haupt verlängerte die schneebedeckte Präsenz der zackigen Bergmassive und erweiterte mit wenigen pastosen Ölfarb-Ergänzungen die karge Bergwelt ins Geheimnisvolle.
Schon zuvor hatte sie während ihres Studiums bei Arwed D. Gorella an der Braunschweiger Kunsthochschule auf großen Formaten die beängstigende Größe der Welt aus der Sicht der Kinderaugen festgehalten. Von „Kinderspielen, Honigdieben und Sündenfällen“ erzählten ihre Ausstellungen. Und wer nur ein bißchen mit der älteren Kunstgeschichte vertraut ist, weiß, dass diese Titel nicht nur Beate Haupts Motive charakterisieren, sondern auch auf berühmte Motive alter Meister verweisen.
Beate Haupt häuft mittlerweise so viel Farbe übereinander, dass aus Malerei schnell ein Relief wird. Sie malt Bilder, doch diese streben seit langem in die dritte Dimension. Sie benutzt Ölfarbe wie Kinder den verschieden farbigen Werkstoff „Plastelin“. Indem sie malt, schafft sie auch (Bild-)Körper. Die Figuren und Szenen, die Beate Haupt malt, sind von einer Sur-Realistin gemalt, die der Materie „Farbe“ ein Bild der Erinnerung abringt. Ihre Bilder, hebt man sie an, sind schwer. Doch sind sie schwer nicht nur an Gewicht. Die Künstlerin bedeckt ihre Bildträger über und über mit der schweren Ölfarbe, als wolle sie aus ihrer Seele ihre ganzen individuellen Mythologien in die Farbmasse hinein modellieren. Nichtumsonst hat die traditionsreiche Münchner Galerie van de Loo, die einst die urwüchsige Künstlergruppe Cobra durchsetzte, heute ihrem Programm Beate Haupt hinzugefügt.
Auch die neuen Bilder und skulpturalen Bildwerke, die sie jetzt im Salon Salder zeigt, nehmen ihren Anlass oft in den wenigen Ausrissen markanter Reproduktionen alter Meister aus einem Buch oder einer Zeitung, wie sie sie, beiläufig nur, an der Wand ihres Braunschweiger Ateliers befestigt hat. Sie braucht diese Anregungen – keineswegs, um sie „kongenial“ umzusetzen, eher, um aus den keineswegs harmlosen Bildwerken der Alten, den „Quellnymphen“, der ertrinkenden Ophelia, den erotischen Jagden eines Rubens, dem „Spiel der Wellen“ eines Arnold Böcklin „Schwimmende“, „Schlafende“ , vielleicht auch Tote zu formen, jedenfalls solche Figuren, denen das „Körperliche in seiner ganzen brutalen und rohen Offenheit“, wie es Rubens für seine Zeit zu zeigen versuchte, nicht mehr erschreckend ist oder stimulierend. Beate Haupt schafft (daraus?) vielmehr sich behauptende Bildwerke, sie schafft Malerei pur. Und sie gibt diesen Bildern, neuerdings oft Köpfe, ganz selbstbewußt eigene Titel, etwa wenn sie „Schau nicht zu tief in deinen grauen Schlund“ heißen, oder „Streck dem Leben die Zunge raus“.
Da Beate Haupt ja in ihrer Malweise eher wütet denn dass sie die Farbe verwaltet, entstehen dabei manchmal Mischungen aller Farben, die der Bildoberfläche schließlich einen grau-violetten Glanz geben können, andererseits erscheint ein Bild nach „Spiel der Wellen“ in klaren Farben, trotz der bei der Künstlerin stets hohen Schwarz-Anteile.
Die Bewegung einer Schwimmerin kann sich extrem reduziert haben zu einem Bildrelief, das nur noch aus Rumpf und einem auftauchenden Arm besteht. Die Malerei von Beate Haupt schöpft aus der Unentschiedenheit ihrer Erinnerung zwischen Noch-Vorhanden und Nicht-mehr-da, zwischen Gut und Böse, doch gilt dies für die Künstlerin nur, weil sie sich ganz auf die Malerei einläßt, nie etwa die Absicht hat, mit dem Bild etwas planvoll zu erzählen.
Beate Haupts Werk, oberflächlich betrachtet, mag mancher tachistisch finden. Das wäre falsch. Beate Haupt malt gegenständlich, indem sie ihre Bilder aus den tachistischen, den fleckhaften Malschichten heraus gewinnt. Ihre Bilder mögen auf den ersten Blick unlesbar erscheinen. Aber es sind Szenen, Bewegung, Auseinandersetzung mit dem Menschen. Ihre materielle Farbverwendung erinnert gelegentlich an den späten Lovis Corinth. An die über und über farb-verkrusteten Paletten und Maltische in den Ateliers. Auch der fast unbekannte Geheimtipp, der 1910 geborene französische Maler Eugène Leroy, hat dies Geheimnis, das Beate Haupt auch hat. Ihre Bilder sind aus der zweiten Dimension in die dritte gekommen – und manchmal auch noch viel weiter.

Ludwig Zerull



© 2009 Beate Haupt, VG-Bild und Kunst

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